Eine Madeira-Story

Eine Geschichte, vom Herausgeber von Madeira News, Dieter Clarius, erlebt und niedergeschrieben in den 80er Jahren


Das ist ja wie die Landung auf einem Flugzeugträger, schoss es mir durch den Kopf, als die rot-weiße LTU-Boeing 737 den Landeanflug auf Madeira einleitete. Damals, im November 1981, war  die Landepiste nur rund 1761 Meter kurz. Eine Landung, ein Abenteuer. Ich durfte als Journalist  im Cockpit der Maschine hinter Flugkapitän Peters sitzen. Als ehemaliger Bundeswehrpilot spürte ich die Bewegungen des Fliegers, die sich vom Gesäß auf meinen Körper übertrugen. Es war schon abenteuerlich, wie Peters den stählernen Vogel in die Rechtskurve zwang. Vorher sahen wir den „Flugzeugträger“, den Flughafen von Madeira, rechts voraus liegen. Von oben sah die Landepiste wie ein längeres Fußballfeld aus. Meine Frau erzählte mir später, viele Passagiere hätten sich in die Sitzlehnen verkrallt, als der Ferienflieger mehrmals deutlich durchsackte. Pilot Peters muss die 737 von Hand in die scharfe Kurve zwingen. Auf Madeira gibt es kein automatisches Landesystem.  Das Eiland wird nach Sicht angeflogen. Zur Rechten ist unter uns nur Wasser zu sehen. Die Schaumkronen sind deutlich zu erkennen. Längst ist der Autopilot abgeschaltet. Eine heftige Windbö trifft das Flugzeug und lässt es einige Meter absacken. Voraus auf der linken Seite kommen Häuser zum Vorschein. Man kann die Menschen sehen, so dicht kommen wir heran. Autos fahren auf der Straße. Noch immer befinden wir uns in der Rechtskurve, knapp 180 Meter über dem blauen Meer. Dann taucht vor uns die Landepiste auf. Sie ragt 50 Meter steil aus dem Meer. Noch sind wir eineinhalb Kilometer von diesem „Flugzeugträger“ entfernt und nähern uns rasch. Immer wieder wird die Maschine durch Böen durchgeschüttelt. Auch im Cockpit merkt man, wie das Flugzeug schaukelt, doch Flugkapitän Peters hat das Gerät sicher im Griff. Deutlich ist der Aufsetzpunkt der Landebahn zu sehen. Wir kommen mit 100 Meter Überhöhung über dem Flugfeld an. Automatisch zählt der Computer den Flieger runter. „50, 40, …, 10, Touchdown.“ Exakt setzt der Flieger auf. Auf den erwarteten heftigen Ruck wartet man bei dieser Landung vergeblich. Scharf wird die Boeing abgebremst. Geschafft. Die Passagiere klatschen frenetisch Beifall. Die rot-weiße Maschine rollt auf ihre Parkposition. Wir sind nach dreieinhalb Stunden Flugzeit auf Madeira angekommen. Als die Türen aufgehen, umfängt uns eine samtweiche, warme Luft.
Heute ist der Flughafen immer noch ein Flugzeugträger, doch die Landebahn ist seit Jahr 2000 auf 2777 Meter verlängert worden. Ein Teil der Landebahn, 1020 dem Meter, wurden über das Meer gebaut, getragen von 3 Meter dicken Stützpfeilern. Jetzt können alle Arten und Größen von Flugzeugen auf der Insel landen, und der Pilot muss den Flieger nicht mehr so scharf abbremsen.
In Funchal dann im Jahr 1981 eine ganz andere Welt. Alte Autos, besonders viele britische Austins, fahren durch sehr enge Straßen, auf denen noch keine Verkehrsampel den Verkehr regelt. Dafür stehen an Hauptkreuzungen Polizisten im Tropenhelm und weisen den Autofahrern den Weg. Zahlreiche Tante Emma Läden bieten Waren an, in denen zum Beispiel Hühnereier fein säuberlich in Packpapier eingepackt verkauft werden. Dort schneidet auch ein freundlicher Verkäufer aus der Mitte einer großen Gummimatte eine Dichtung für den Gartenschlauch heraus und packt diese fein säuberlich ein – natürlich mit einer Kordel drum herum, genau wie um das Eierpaket. In den Kontoren – wir nennen sie Büros – stehen Angestellte an Stehpulten und tragen zum Beispiel, wie im Finanzamt, Daten in meterbreite Journale ein. Das Computerzeitalter hatte 1981 Madeira noch nicht erreicht. Zumindest nicht die Amtsstuben. Dann, irgendwann in den achtziger Jahren kamen die Verkehrsampeln. Und was machen die Madeirenser? Sie beachten die Lichter zumindest als Fußgänger nicht. So wie die alte Frau aus dem Campo, die gerade Apfelsinen auf dem Markt gekauft hat. Sie läuft trotz roter Fußgängerampel über die Straße und wird prompt von einem Auto erfasst. Die Frau fliegt samt ihrer Früchte im hohen Bogen durch die Luft und hat unverschämtes Glück gehabt. Fürchterlich schimpfend sammelt sie die Apfelsinen ein und trollte sich davon. Ihr war offenbar nichts passiert. Was ein Glück. Auch heute, im Jahr 2011, haben die Madeirenser Fußgänger nicht wirklich Respekt vor den Ampeln. Da kann ein Polizist neben ihnen stehen, sie laufen bei Rot über die Straße, wenn die Autos noch weit genug entfernt sind.
Als Journalist standen mir auf der Insel quasi alle Türen offen. Christina Heinen, eine in Canico de Baixo lebende Deutsche, die an der Academia de Linguas Deutsch lehrte, brachte mich mit João Carlos Abreu, dem Regionalsekretär für Kultur und Tourismus, zusammen. João Carlos – auf Madeira redet man alle Leute mit den Vornamen an – schildert mir die Vorzüge der Insel. Er weiß von Christina, dass ich für eine große deutsche Zeitung schreibe. Wir sitzen im Lido-Restaurant und genießen den großartigen Ausblick auf den Atlantik und unser Essen. Ich hatte mir den Espada, den schmackhaften, im Rohzustand schauerlich aussehenden Tiefseefisch „com banana“ bestellt. Er schmeckte köstlich und gar nicht nach Fisch.

Hafen von Funchal

Madeira Webcam

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